Was dein Nervensystem mit deinem Gewicht zu tun hat

Ich habe jahrelang gedacht, mein Körper arbeitet gegen mich. Dass irgendetwas mit mir nicht stimmt, dass ich einfach nicht genug Disziplin habe, dass alle anderen es hinkriegen und ich halt nicht. Ich habe Diäten durchgezogen, wochenlang, manchmal monatelang, und wenn das Gewicht trotzdem blieb oder wiederkam, habe ich mir eingeredet, dass ich selbst schuld bin. Dass ich es nicht ernst genug meine. Dass ich irgendwo heimlich geschummelt haben muss, weil sonst müsste es ja funktionieren.

Es hat lange gedauert, bis mir jemand erklärt hat, was wirklich passiert. Nicht in meinem Kopf, nicht in meinem Willen, sondern in meinem Nervensystem.

Dein Körper hat zwei Modi

Das ist simpel, aber es verändert alles, wenn man es einmal wirklich begriffen hat. Es gibt den Alarmmodus, in der Fachsprache Sympathikus genannt. Da geht der Herzschlag hoch, die Verdauung fährt runter, die Muskeln spannen sich an, und der ganze Körper ist bereit wegzurennen oder zu kämpfen. Das war mal für den Säbelzahntiger gedacht. Und dann gibt es den Ruhemodus, Parasympathikus genannt. Da läuft die Verdauung, die Zellen regenerieren sich, der Körper darf sich erholen und loslassen.

Beide wechseln sich eigentlich ab. So war es immer gedacht. Alarm, dann Ruhe, dann Alarm, dann Ruhe. Wie Ein und Aus.

Das Problem ist, dass bei den meisten von uns das Aus nicht mehr kommt.

Was im heutigen Alltag passiert

Der Alarm bleibt an. Nicht wegen einem Raubtier, sondern wegen dem vollen Posteingang, wegen der Erwartungen die von überall kommen, wegen dem Gefühl, nie wirklich fertig zu sein mit irgendetwas. Morgens klingelt der Wecker und bevor du die Augen richtig aufhast, rattert in deinem Kopf schon die Liste runter von allem, was du heute schaffen musst. Und abends liegst du im Bett und dein Körper ist müde, aber dein Kopf dreht weiter.

Unser Nervensystem ist so alt wie die Menschheit, und es hat keinen Update bekommen. Es kann nicht unterscheiden zwischen einem Raubtier das auf dich zurennt und einem schwierigen Telefonat mit deiner Schwiegermutter. Für dein Nervensystem ist beides Gefahr. Und auf Gefahr reagiert es immer gleich: festhalten, speichern, durchhalten.

Was das mit deinem Gewicht macht

Wenn der Alarm dauerhaft an ist, steigt das Stresshormon Cortisol chronisch an. Und Cortisol hat eine sehr klare Aufgabe, die aus einer Zeit stammt, in der Stress meistens Hunger bedeutet hat: Es signalisiert dem Körper, Energie zu speichern. Besonders als Bauchfett, weil das am schnellsten verfügbar ist wenn der Körper es braucht.

Epel und Kollegen haben das im Jahr 2000 in einer Studie untersucht, die bis heute zitiert wird. Sie haben gezeigt, dass genau dieser Zusammenhang bei Frauen vor der Menopause besonders ausgeprägt ist. Frauen, die unter chronischem Stress standen, lagerten signifikant mehr viszerales Bauchfett ein als Frauen mit niedrigerem Stresslevel,

Unabhängig davon wie viel sie gegessen haben. Das ist der Satz, bei dem es bei mir damals klick gemacht hat.

Gleichzeitig passiert noch etwas anderes. Das Hungerhormon Ghrelin steigt, und das Sättigungshormon Leptin sinkt. Dein Körper bekommt also gleichzeitig das Signal, mehr zu essen und das Signal, dass er noch nicht satt ist. Nicht weil du willensschwach bist, sondern weil dein Nervensystem gerade im Überlebensmodus arbeitet und alles tut, was es tun muss, um dich durch die vermeintliche Krise zu bringen.

Das ist kein Versagen. Das ist Biologie. Und wenn ich mir vorstelle, wie viele Jahre ich mir selbst die Schuld gegeben habe für etwas, das mein Körper aus purem Schutzinstinkt getan hat, dann tut mir das heute noch weh.

Jon Gabriel hat das am eigenen Leib erlebt

Er wog über 180 Kilogramm und hatte alles versucht. Jede Diät, jedes Programm, jeden Experten. In seinem Buch "The Gabriel Method" beschreibt er, wie er irgendwann verstanden hat, dass sein Körper das Gewicht nicht aus Versagen festgehalten hat, sondern weil sein Nervensystem im Dauerstress war und dem Körper signalisiert hat, dass er Reserven braucht. Dass Hunger kommen könnte. Dass es nicht sicher ist.

Sein Körper hat nicht versagt. Sein Körper hat genau das getan, wofür er gebaut wurde.

Erst als Jon aufgehört hat zu kämpfen und angefangen hat, seinem Nervensystem Sicherheit zu geben, hat sich etwas verändert. Nicht über Nacht, nicht durch einen Trick, sondern dadurch, dass er den Alarm abgeschaltet hat, den sein Körper seit Jahren als Dauergeräusch kannte.

Und da fange ich an

Nicht bei der Waage. Nicht beim nächsten Ernährungsplan. Nicht bei der Frage, was du morgens essen sollst und was abends.

Sondern bei der Frage, in welchem Zustand dein Körper gerade feststeckt. Ob der Alarm an ist. Und was er braucht, um wieder runterzufahren.

Ich weiß, das klingt nicht nach einer schnellen Lösung. Und es ist auch keine. Es dauert, und es braucht Geduld, und manchmal fühlt es sich an, als würde sich gar nichts bewegen. Aber es ist das Einzige, was ich in meiner eigenen Geschichte und in der Arbeit mit meinen Klientinnen bisher gesehen habe, das wirklich etwas verändert. Nicht für drei Wochen, nicht bis zum nächsten Stressmonat, sondern so, dass der Körper anfängt loszulassen, weil er es endlich darf.


Quellen

Epel, E. S., Lapidus, R., McEwen, B., & Brownell, K. (2000). Stress may add bite to appetite in women: A laboratory study of stress-induced cortisol and eating behavior. Psychosomatic Medicine, 62(5), 623–632.

Gabriel, J. (2008). The Gabriel Method: The Revolutionary DIET-FREE Way to Totally Transform Your Body. Atria Books.

Hinweis: Dieser Artikel basiert auf meiner Erfahrung als Heilpraktikerin für Psychotherapie und meiner Recherche.
Er dient der Information und ersetzt nicht den Gang zum Arzt, Psychiater, Psychologen oder Heilpraktiker für Psychotherapie.