Warum dein Körper festhält und was er dir damit sagen will

Ich hatte eine Klientin, die hat mir in der ersten Sitzung gesagt, sie versteht sich selbst nicht mehr. Sie macht alles richtig. Sie isst normal, sie bewegt sich, sie achtet auf sich. Und trotzdem bleibt das Gewicht, oder es geht runter und kommt zurück. Jedes Mal.

Ich habe sie gefragt, wie ihr Alltag aussieht. Und dann hat sie angefangen zu erzählen. Nicht übers Essen. Sondern über alles andere.

Die Rolle, die niemand hinterfragt

Sie steht morgens auf und funktioniert. Die Kinder, der Haushalt, die Arbeit, die Mutter die anruft und was braucht, die Kollegin die Hilfe braucht, der Partner der erwartet dass abends alles läuft. Sie hat mir das erzählt, als wäre es nichts Besonderes, als wäre das halt so, und genau das hat mich getroffen. Weil ich das kenne. Weil ich jahrelang so gelebt habe und dachte, das ist normal, das machen alle so, und wer sich beschwert ist undankbar.

Sie hat irgendwann aufgehört zu fragen, was sie selbst braucht. Nicht bewusst. Es ist einfach passiert, Stück für Stück, über Jahre. Erst stellt man sich einmal hinten an, dann zweimal, dann ist es Gewohnheit, und dann merkt man gar nicht mehr, dass man sich selbst dabei verliert. Man nennt es Rücksicht. Oder Hilfsbereitschaft. Oder einfach erwachsen sein.

Aber der Körper merkt es. Der Körper merkt alles.

Was ich in meiner Arbeit immer wieder sehe

Es gibt Muster, die bei fast jeder Frau auftauchen, die wegen ihres Gewichts zu mir kommt. Nicht bei jeder die gleichen, aber aus einem ähnlichen Baukasten.

Da ist das Gefühl, nur dann wertvoll zu sein, wenn man etwas leistet. Ich habe jahrelang meinen Wert daran gemessen, wie viel ich an einem Tag geschafft habe, und an Tagen an denen ich nichts geschafft habe, fühlte ich mich wie ein Versager. Das war so tief drin, dass ich es nicht mal als Problem erkannt habe. Das war einfach ich.

Da ist die Überzeugung, dass die eigenen Bedürfnisse weniger wichtig sind als die von allen anderen. Das lernt man nicht über Nacht. Das lernt man als kleines Mädchen, wenn man merkt, dass brav sein und leise sein und keinen Ärger machen mehr Liebe bringt als laut sein und Platz einnehmen. Und irgendwann ist es so normal, dass man es für Charakter hält.

Und da ist die Angst, sichtbar zu werden. Weil Sichtbarkeit früher nicht sicher war. Weil man gelernt hat, dass wer auffällt auch angreifbar wird, und wer unauffällig bleibt, der bleibt verschont. Gewicht kann dann ein Schutz werden. Nicht bewusst, nicht gewollt, aber der Körper hat seine eigene Logik.

Wo das Essen reinkommt

Wenn den ganzen Tag über kein einziger Moment für dich selbst übrig war, wenn du funktioniert hast von morgens bis abends und abends dann dasitzt und nicht weißt wohin mit dir, dann kann Essen die einzige Sache sein die sofort da ist, die sofort wirkt, die niemanden stört und die du dir nicht erst erlauben musst.

Das ist keine Schwäche. Das ist kein Versagen. Das ist eine Strategie, die irgendwann angefangen hat weil sie in dem Moment die beste Lösung war die du hattest. Kein Mensch entwickelt so etwas zum Spaß.

Im Beitrag über das Nervensystem und Gewicht habe ich erklärt, was auf der biologischen Seite passiert, Cortisol, Stresshormone, Fettspeicherung. Aber die Biologie ist nur die Hälfte. Die andere Hälfte sind diese Muster. Die Rollen, die Überzeugungen, die Strategien, die so leise laufen, dass man sie für sich selbst hält.

Hinschauen ist der erste Schritt

Das klingt simpel. Ist es aber nicht. Hinschauen heißt anerkennen, dass etwas wehtut. Dass etwas gefehlt hat. Dass die Strategien, die einen jahrelang getragen haben, die einem damals das Überleben gesichert haben, jetzt im Weg stehen.

In meiner Arbeit schauen wir uns genau das an. Nicht das Essen. Nicht die Waage. Nicht was auf dem Teller liegt. Sondern welche Rolle du seit Jahren spielst, ohne es zu merken. Was nicht sein darf, obwohl es da ist. Was du eigentlich brauchst, wenn du mal ehrlich bist.

Ich kann dir keine Ergebnisse versprechen. Aber ich kann dir einen Ort anbieten, an dem du nicht funktionieren musst.


Quellen

Puhl, R. M., & Heuer, C. A. (2009). The stigma of obesity: A review and update. Obesity, 17(5), 941–964.

Epel, E. S., Lapidus, R., McEwen, B., & Brownell, K. (2000). Stress may add bite to appetite in women: A laboratory study of stress-induced cortisol and eating behavior. Psychosomatic Medicine, 62(5), 623–632.

Hinweis: Dieser Artikel basiert auf meiner Erfahrung als Heilpraktikerin für Psychotherapie und meiner Recherche.
Er dient der Information und ersetzt nicht den Gang zum Arzt, Psychiater, Psychologen oder Heilpraktiker für Psychotherapie.