Jojo-Effekt: Warum dein Körper das Gewicht zurückholt
Ich habe den Jojo-Kreislauf so oft durchgemacht, dass ich irgendwann aufgehört habe zu zählen. Abnehmen, zunehmen, abnehmen, noch mehr zunehmen. Jedes Mal mit der Überzeugung, dass es diesmal anders wird, dass ich es diesmal wirklich durchziehe, dass ich diesmal genug will. Und jedes Mal mit dem gleichen Ende.
Das Schlimmste war nicht das Gewicht. Das Schlimmste war das Gefühl danach. Dieses leise, giftige "Siehst du, du schaffst es einfach nicht." Ich habe das jahrelang geglaubt. Ich habe mich gefragt, ob mit mir etwas grundlegend nicht stimmt, ob ich einfach nicht die Sorte Mensch bin, die so etwas hinkriegt, ob alle anderen irgendeinen Schalter haben, den ich nicht habe.
Heute weiß ich, dass das Problem nie ich war. Das Problem war die Methode. Und zwar jede einzelne davon.
Dein Körper verteidigt sein Gewicht
Wenn du eine Diät machst, passiert auf der biologischen Ebene etwas, das sich wie Sabotage anfühlt. Du isst weniger, du hältst durch, du machst alles nach Vorschrift. Und dein Körper reagiert darauf nicht mit Dankbarkeit, sondern mit Alarm.
Er registriert: Weniger Nahrung kommt rein. Und er interpretiert das nicht als klugen Plan, sondern als Bedrohung. Als mögliche Hungersnot. Und dann tut er das, wofür er seit Hunderttausenden von Jahren gebaut wurde: er fährt den Grundumsatz herunter. Dein Stoffwechsel wird langsamer, dein Körper verbraucht weniger Energie, weil er nicht weiß wie lange diese Knappheit dauern wird und ob danach wieder genug kommt.
Gleichzeitig dreht er an den Hormonen. Das Hungerhormon Ghrelin geht hoch, das Sättigungshormon Leptin geht runter. Du bekommst also mehr Hunger und weniger Sättigungsgefühl, und das ist keine Einbildung und keine Willensschwäche, das ist dein Körper der versucht, dich am Leben zu halten.
Sumithran und Kollegen haben das 2011 in einer Studie im New England Journal of Medicine untersucht. Was sie gefunden haben, hat mich damals wirklich erschüttert: Noch ein ganzes Jahr nach einer Diät waren die Hungerhormone der Teilnehmer erhöht. Zwölf Monate. Die Diät war längst vorbei, aber der Körper war immer noch im Verteidigungsmodus. Der Körper vergisst nicht so schnell wie der Kopf.
Warum Disziplin nicht reicht
Und hier wird es unfair. Weil dir jedes Diätprogramm und jeder Ernährungscoach erzählt, dass du es nur wollen musst. Dass es eine Frage der Disziplin ist, der Konsequenz, der richtigen Einstellung. Und du glaubst das, weil es sich logisch anhört und weil du niemanden kennst, der dir das Gegenteil erklärt.
Aber was wirklich passiert ist ein Kampf, den du nicht gewinnen kannst. Du versuchst mit Willenskraft etwas aufrechtzuerhalten, während dein gesamtes hormonelles System in die andere Richtung zieht. Dein Kopf sagt "halte durch", dein Körper sagt "du verhungerst". Das ist kein fairer Kampf. Und es ist kein Versagen, ihn zu verlieren.
Disziplin funktioniert nur so lange, wie dein Nervensystem mitspielt. Sobald der Stress zu groß wird, sobald der Körper entscheidet dass die Lage ernst ist, übernimmt der ältere Teil deines Gehirns. Der kennt keine Kalorienziele und keine Ernährungspläne. Der kennt nur überleben. Und überleben heißt: essen und speichern.
Ich habe das am eigenen Leib erlebt. Ich habe Diäten durchgezogen, wochenlang, mit einer Disziplin die mich heute noch erstaunt wenn ich zurückdenke. Und trotzdem kam das Gewicht zurück. Jedes Mal. Nicht weil ich geschummelt habe, nicht weil ich es nicht ernst genug gemeint habe, sondern weil mein Körper getan hat, wofür er gebaut wurde.
Die Frage, die alles verändert hat
Jon Gabriel hat es so formuliert: Solange dein Körper einen Grund hat, am Gewicht festzuhalten, wird er es tun. Egal was du isst und was du nicht isst.
Das war der Satz, der bei mir etwas verschoben hat. Weil er die Frage umdreht. Nicht mehr "Wie nehme ich ab?" sondern "Warum hält mein Körper fest? Was braucht er, um loszulassen?"
Und die Antworten, die ich darauf gefunden habe, bei mir selbst und in der Arbeit mit meinen Klientinnen, haben nie etwas mit Essen zu tun gehabt. Manchmal war es fehlende Sicherheit. Manchmal war es Stress, der so normal geworden war, dass er sich gar nicht mehr wie Stress angefühlt hat. Manchmal war es etwas, das sehr weit zurückliegt und das erst einmal angeschaut werden musste, bevor der Körper bereit war loszulassen.
Da fange ich an. Nicht beim Teller. Nicht beim Plan. Bei der Frage, was dahintersteckt.
Quellen
Sumithran, P., Prendergast, L. A., Delbridge, E. et al. (2011). Long-Term Persistence of Hormonal Adaptations to Weight Loss. New England Journal of Medicine, 365(17), 1597–1604.
Gabriel, J. (2008). The Gabriel Method: The Revolutionary DIET-FREE Way to Totally Transform Your Body. Atria Books.
