Stress und Gewicht: Wenn Funktionieren zur Falle wird

Es gab eine Phase in meinem Leben, da war ich stolz darauf, wie viel ich geschafft habe. Morgens um sechs aufgestanden, Kinder versorgt, gearbeitet, eingekauft, gekocht, abends noch Sport reingedrückt, und wenn mich jemand gefragt hat wie es mir geht, habe ich gesagt "gut, bisschen viel gerade, aber läuft". Und das habe ich ehrlich gemeint. Ich dachte wirklich, es läuft.

Mein Körper hat das anders gesehen. Mein Gewicht ging hoch, obwohl ich mich bewegt habe, obwohl ich auf mein Essen geachtet habe, obwohl ich von außen betrachtet alles richtig gemacht habe. Und das hat mich fertiggemacht, weil ich keine Erklärung dafür hatte. Ich habe gedacht, irgendetwas stimmt mit mir nicht, irgendetwas in meinem Körper ist kaputt, vielleicht die Schilddrüse, vielleicht die Wechseljahre, vielleicht bin ich einfach der Typ Mensch bei dem es halt nicht klappt.

Was ich damals nicht verstanden habe: Funktionieren und Gesundsein sind nicht dasselbe. Und mein Körper hat den Unterschied die ganze Zeit gespürt, auch wenn mein Kopf ihn nicht wahrhaben wollte.

Wie Funktionieren zur Identität wird

Das passiert nicht über Nacht. Das fängt irgendwann an, meistens früh, meistens als Kind oder als junge Frau, wenn man lernt, dass man gebraucht wird. Dass man wichtig ist, wenn man etwas tut. Dass man Liebe bekommt, wenn man zuverlässig ist, wenn man keine Umstände macht, wenn man es allen recht macht.

Und dann wird daraus eine Rolle. Die Zuverlässige. Die, auf die man sich verlassen kann. Die, die nie absagt, die immer einspringt, die alles hinkriegt und sich nie beschwert. Das fühlt sich erst gut an, weil es Bestätigung bringt. Und irgendwann fühlt es sich nach gar nichts mehr an, weil es so normal geworden ist, dass man nicht mehr weiß wer man ohne diese Rolle wäre.

Ich kenne Frauen, die können nicht krank sein. Nicht weil sie nie krank werden, sondern weil sie es sich nicht erlauben. Die schleppen sich mit Fieber durch den Tag und sind stolz darauf. Und ich war genauso. Ich habe Zusammenbruch verwechselt mit Stärke und Erschöpfung mit Leistung, und wenn mir jemand gesagt hätte, dass ich mich ausruhen soll, hätte ich das als Beleidigung aufgefasst.

Was der Körper die ganze Zeit versucht zu sagen

Der Körper führt Buch. Über jede Nacht in der du zu wenig geschlafen hast, über jeden Tag an dem du durch den Alltag gerannt bist ohne einmal richtig durchzuatmen, über jede Situation in der du ja gesagt hast, obwohl alles in dir nein geschrien hat.

Du merkst das nicht sofort. Stress der schon lange da ist, fühlt sich irgendwann nicht mehr wie Stress an. Er fühlt sich an wie normal. Wie dein Leben halt ist. Und genau das macht ihn so gefährlich, weil du keinen Grund siehst, irgendetwas zu ändern, während dein Körper längst im Ausnahmezustand arbeitet.

Ich habe im Beitrag über das Nervensystem und Gewicht erklärt, was auf der hormonellen Ebene passiert wenn dieser Zustand chronisch wird. Hier geht es mir um etwas anderes. Hier geht es darum, warum so viele Frauen gar nicht merken, dass sie in diesem Zustand sind.

Weil Funktionieren belohnt wird. Weil niemand der Frau, die alles im Griff hat, sagt, dass sie aufhören soll. Weil das Umfeld profitiert. Und weil du selbst die Letzte bist, die auf die Idee kommt, dass das Problem nicht das Essen sein könnte, sondern die Art wie du lebst.

Der Moment, in dem es kippt

Bei mir war es kein dramatischer Zusammenbruch. Es war eher ein Schleichen. Ich habe gemerkt, dass ich morgens aufwache und schon müde bin. Dass ich keine Lust mehr habe auf Dinge, die mir früher Freude gemacht haben. Dass mein Körper sich schwer anfühlt, nicht nur vom Gewicht, sondern von allem. Und dass ich abends auf dem Sofa sitze und das Gefühl habe, den ganzen Tag gerannt zu sein, ohne irgendwo angekommen zu sein.

Bei meinen Klientinnen höre ich das in anderen Worten, aber es ist immer dasselbe. "Ich weiß nicht was mit mir los ist." "Ich bin ständig erschöpft, aber ich mache doch gar nichts Besonderes." "Ich halte mich an alles und trotzdem passiert nichts." Und wenn wir dann anfangen hinzuschauen, stellt sich fast immer heraus, dass sie so viel machen, dass ihr Körper seit Jahren keinen einzigen Tag richtige Ruhe hatte.

Nicht Urlaub. Nicht ein Abend auf dem Sofa mit Netflix. Sondern die Art von Ruhe, bei der das Nervensystem wirklich runterfährt und der Körper merkt, dass er sicher ist. Dass keine Gefahr kommt. Dass er loslassen darf.

Was "weniger müssen" wirklich bedeutet

Das ist kein Tipp aus einem Wellness-Magazin. Das ist leider Gottes eine der schwierigsten Sachen, die ich Frauen beibringen kann. Weil "weniger müssen" bedeutet, eine Identität loszulassen, die einen seit Jahrzehnten getragen hat. Die Zuverlässige sein lassen. Nein sagen und aushalten, dass jemand enttäuscht ist. Sich hinsetzen und nichts tun und das nicht faul nennen.

Ich habe das selbst elend langsam lernen müssen. Es hat sich am Anfang falsch angefühlt, als würde ich etwas Verbotenes tun. Weil mein ganzes System darauf programmiert war, dass ich nur dann okay bin, wenn ich leiste. Und plötzlich sollte ich okay sein, einfach so, ohne Gegenleistung.

In meiner Arbeit fange ich genau da an. Nicht beim Essen, nicht bei der Waage, nicht beim nächsten Plan. Sondern bei der Frage, warum du nicht aufhören kannst. Was passieren würde, wenn du es tätest. Und was du eigentlich bräuchtest, wenn niemand zuguckt.


Quellen

Maslach, C., & Leiter, M. P. (2016). Understanding the burnout experience: Recent research and its implications for psychiatry. World Psychiatry, 15(2), 103–111.

Kiecolt-Glaser, J. K., et al. (2010). Stress, inflammation, and yoga practice. Psychosomatic Medicine, 72(2), 113–121.

Hinweis: Dieser Artikel basiert auf meiner Erfahrung als Heilpraktikerin für Psychotherapie und meiner Recherche.
Er dient der Information und ersetzt nicht den Gang zum Arzt, Psychiater, Psychologen oder Heilpraktiker für Psychotherapie.