Innere Anteile: Wer in dir entscheidet beim Essen

Abends um halb zehn stehst du vor dem Kühlschrank und weißt genau, dass du keinen Hunger hast. Du machst ihn trotzdem auf. Am nächsten Morgen ist dann diese Stimme da, die sagt: reiß dich zusammen, was ist denn so schwer daran.

Das sind nicht zwei Launen an einem schlechten Tag. Das sind zwei verschiedene innere Anteile, und beide haben einen Grund warum es sie gibt.

Was innere Anteile sind

In der Schematherapie nach Jeffrey Young heißen diese Zustände Modi. Seiten von dir, die sich abwechseln und dabei das Steuer übernehmen. Das hat jeder Mensch, und bei manchen sind die Wechsel nur schneller und heftiger als bei anderen.

Nichts Krankhaftes. Nichts mit gespaltener Persönlichkeit. Es beschreibt simpel, dass du morgens jemand anderes sein kannst als abends um halb zehn.

Ich bin über das Modusmodell gestolpert, als ich in meiner Ausbildung einen Fall durchgehen musste und plötzlich gemerkt habe, dass ich nicht über die Klientin nachdenke, sondern über mich. Da saßen Teile in mir, die ich jahrelang nicht auseinanderhalten konnte, und zum ersten Mal hatten sie Namen.

Die Anteile, die beim Thema Gewicht fast immer mitspielen

Da ist dieser verletzliche Teil. Der ist oft noch so alt wie du damals warst, als zum ersten Mal jemand etwas über deinen Körper gesagt hat. Bei mir war das früh, und ich kann mich an das Gefühl besser erinnern als an die Worte. Eng in der Brust, Kloß im Hals, und dieser eine Gedanke der sich wiederholt: mit mir stimmt etwas nicht. Jeffrey Young nennt das den Modus des verletzten Kindes, und wenn ich mit Frauen arbeite, erkenne ich ihn daran, dass die Stimme plötzlich leiser wird und die Sätze kürzer.

Und dann ist da einer, der dagegen anarbeitet. Der Antreiber. Den erkennst du daran, dass er dich immer mit "du" anspricht. Stell dich nicht so an. Mehr Disziplin. Ab morgen. Der hat diese Sätze von irgendwoher, meistens von früher, und er wiederholt sie seit Jahrzehnten. Bei mir klang er wie eine Mischung aus Sportlehrerin und Frauenzeitschrift, und er hatte auf alles eine Antwort, die mit Willenskraft anfing und mit Scham aufhörte. In einer Studie von Arntz und Jacob (2017) wird dieser Modus als strafender Elternmodus beschrieben, und sie zeigen, dass er bei Menschen mit Essstörungen und chronischem Diätverhalten besonders laut wird. Das hat mich nicht überrascht, aber es hat wehgetan, es schwarz auf weiß zu lesen.

Der Teil, der abends den Kühlschrank aufmacht, heißt in der Schematherapie distanzierter Selbstberuhiger. Kompliziertes Wort. Was er tut ist simpel: er will, dass es aufhört wehzutun, und er hat irgendwann gelernt, dass Essen das schnell und zuverlässig hinkriegt. Leider Gottes funktioniert das ja auch, für ungefähr zwanzig Minuten, und danach übernimmt wieder der Antreiber und der Kreislauf fängt von vorne an.

Ich hab lange gebraucht, um zu verstehen, dass dieser Teil kein Feind ist. Bei mir war er jahrelang im Dienst, und ich hab ihn gehasst und gleichzeitig gebraucht, weil ich keine andere Strategie hatte. Elend langer Kreislauf, und das Gemeine daran war, dass ich mir selbst die Schuld gegeben habe für etwas, das eigentlich eine Schutzfunktion war.

Warum es etwas verändert, die inneren Anteile zu sehen

Solange du glaubst, du bist der Kühlschrank-Teil, kämpfst du gegen dich selbst, und diesen Kampf kannst du nicht gewinnen, weil du gleichzeitig Gegnerin und Kämpferin bist.

In dem Moment wo du merkst, dass das ein Teil von dir ist und nicht du als ganzer Mensch, hast du einen Meter Abstand. Aus diesem Meter heraus kannst du zum ersten Mal fragen, was dieser Teil eigentlich gebraucht hätte. Und diese Frage verändert alles, weil sie die Richtung umdreht: von "was ist falsch mit mir" zu "was fehlt mir".

Die Schematherapie stärkt an dieser Stelle den gesunden Erwachsenen. Das ist der Teil, der den Antreiber unterbrechen kann und den verletzlichen Teil nicht alleine sitzen lässt. Bei vielen Frauen, mit denen ich arbeite, war der gesunde Erwachsene lange nicht im Dienst, nicht weil er fehlt, sondern weil andere Anteile seinen Job übernommen haben. Der Antreiber hat geregelt, der Selbstberuhiger hat betäubt, und dazwischen gab es keinen, der mal gesagt hätte: Moment, was brauchst du wirklich gerade.

In meiner eigenen Arbeit an mir war das der Punkt, an dem sich etwas verschoben hat. Nicht weil ich plötzlich eine Lösung hatte, sondern weil ich aufgehört habe, gegen Teile von mir zu kämpfen, die mich eigentlich beschützen wollten. Das klingt banal wenn man es aufschreibt, aber wenn du es zum ersten Mal wirklich spürst, ist es alles andere als banal.

Was passiert wenn der gesunde Erwachsene übernimmt

Er tröstet nicht mit Essen und er bestraft nicht mit Disziplin. Er hält aus, dass es gerade schwer ist, ohne sofort etwas dagegen tun zu müssen. Das klingt nach wenig, und genau deshalb unterschätzen die meisten Menschen, wie viel es verändert.

Young und seine Kollegen beschreiben den gesunden Erwachsenen als den Modus, der alle anderen Anteile sehen kann, ohne sich mit einem zu verwechseln. In der Praxis bedeutet das: du stehst abends vor dem Kühlschrank, du merkst den Impuls, und statt ihn entweder auszuführen oder dich dafür zu verurteilen, fragst du dich was gerade eigentlich los ist. Manchmal ist die Antwort simpel, manchmal ist sie unbequem, und manchmal weißt du sie nicht. Aber die Frage selbst ist schon der Unterschied.

Wenn du herausfinden willst, welche Anteile bei dir gerade Dienst haben, ist die Wegfinder-Sitzung ein guter Ort dafür.

Hinweis: Dieser Artikel basiert auf meiner Erfahrung als Heilpraktikerin für Psychotherapie und meiner Recherche.
Er dient der Information und ersetzt nicht den Gang zum Arzt, Psychiater, Psychologen oder Heilpraktiker für Psychotherapie.