Sich für den eigenen Körper schämen: woher das kommt

Eine Kollegin sagt beim Rausgehen, dass ich heute gut aussehe. Ich antworte, dass das nur an dem Oberteil liegt, weil es so gut kaschiert. Sie lacht, ich lache mit, und wir gehen weiter. Diesen Satz habe ich mir nicht überlegt, er war einfach schneller als ich, und ich hab ihn erst auf dem Parkplatz gehört, als er schon in der Welt war.

Ich weiß nicht mehr wann ich das gelernt habe. Ich weiß nur, dass es irgendwann so automatisch wurde wie Atmen, und dass es Jahrzehnte gedauert hat bis mir jemand die Frage gestellt hat, wofür dieser Satz eigentlich gut ist.

Der Satz ist schneller als der Gedanke

Viele Frauen, die zu mir kommen, kennen solche Sätze. Sie rutschen raus wenn ein Foto gemacht wird, wenn jemand ein Kompliment macht oder wenn beim Essen jemand hinschaut. Sie klingen nach Humor und nach Bescheidenheit, und im Raum merkt niemand, dass sie eine Aufgabe haben.

Die Aufgabe ist simpel. Wer das Urteil über den eigenen Körper selbst ausspricht, gibt es nicht aus der Hand. Danach kann es keiner mehr sagen, weil es schon gesagt wurde, und es trifft weniger hart, weil es aus dem eigenen Mund kam. Das ist keine Schwäche und auch keine Koketterie. Das ist eine Schutzreaktion, die du irgendwann gelernt hast, weil sie funktioniert hat.

Wenn ich meinen Klientinnen das zum ersten Mal erkläre, sehe ich oft, wie sich etwas im Gesicht verändert. Da sitzt eine Frau, die sich seit Jahren für diese Sätze schämt (weil sie weiß dass sie sich damit kleinmacht und es trotzdem nicht lassen kann), und plötzlich versteht sie dass das nie ein Defekt war, sondern eine Strategie.

Warum sich so viele Frauen für den eigenen Körper schämen

Sich für den eigenen Körper zu schämen ist selten eine eigene Erfindung. In der Forschung heißt das internalisiertes Gewichtsstigma, und gemeint ist der Moment, in dem eine Abwertung von außen so oft gehört wurde, dass sie zur eigenen Stimme geworden ist.

Das fängt früh an. Bei mir war es eine Diät mit vierzehn, die ich mir nicht ausgesucht hatte. Bei anderen war es eine Bemerkung im Sportunterricht, ein Satz vom Kinderarzt vor der Mutter, oder etwas das am Esstisch gesagt wurde in einem Ton der klarmachte, dass das Thema nicht verhandelbar ist.

Meine Mutter hat das damals nicht böse gemeint. Sie hat gemacht, was die Gesellschaft ihr beigebracht hatte, und sie hat geglaubt, dass sie mir damit hilft. Das macht es nicht weniger prägend, aber es macht sie nicht zur Schuldigen. Die Schuldige ist eine Kultur, die Mädchen beibringt, dass ihr Körper ein Problem ist, das gelöst werden muss, bevor sie dazugehören dürfen.

Was daraus im Alltag wird, sieht man von außen selten. Es zeigt sich darin, dass eine Frau eine Einladung absagt und dafür einen Termin erfindet. Es zeigt sich im Schwimmbad, in der Umkleidekabine und beim Arzt, wenn sie ihre Beschwerden kleiner macht, weil sie ahnt, worauf das Gespräch sonst hinausläuft. Es zeigt sich in der Art, wie sie sich anzieht, nämlich so, dass niemand genau sehen kann, was darunter ist. Über all das spricht kaum jemand, weil es so normal geworden ist dass es unsichtbar wirkt.

Ich habe Jahre gebraucht um zu verstehen, dass ich mich nicht für meinen Körper geschämt habe, sondern für das Bild von meinem Körper, das mir jemand anders gegeben hat und das ich irgendwann übernommen habe wie meinen eigenen Namen.

Was die ständige Selbstabwertung im Körper auslöst

An dieser Stelle wird es körperlich, und das ist der Punkt, den die meisten Menschen nicht auf dem Schirm haben.

Die Psychologin Janet Tomiyama hat 2014 an der UCLA ein Modell beschrieben, in dem Gewichtsstigma selbst als chronischer Stressfaktor wirkt. Der Mechanismus ist messbar: Stigma erzeugt Stress, Stress verändert die Hormonlage (vor allem Cortisol), und eine dauerhaft veränderte Hormonlage macht es dem Körper schwerer, überhaupt loszulassen. Das bedeutet, dass die Scham über den Körper genau das verstärkt, wofür du dich schämst. Ein Kreislauf, der sich selbst füttert, und du sitzt mittendrin und glaubst, du hättest einfach nicht genug Disziplin.

Dazu passt eine Untersuchung von Natasha Schvey und Rebecca Puhl aus dem Jahr 2015. In dieser Studie wurde Frauen ein abwertendes Video über dicke Menschen gezeigt. Bei den Teilnehmerinnen, die sich selbst als übergewichtig einordneten, war der Cortisolwert danach messbar höher als in der Vergleichsgruppe. Der Körper hat reagiert, obwohl niemand diese Frauen persönlich angesprochen hatte. Es hat gereicht, etwas zu sehen, das eine alte Wahrheit über sie selbst bestätigt hat.

Und jetzt rechne das hoch auf einen Satz, den du seit Jahrzehnten mehrmals pro Woche über dich selbst sagst. Dein Nervensystem unterscheidet nicht danach, ob etwas als Witz gemeint war. Es bekommt eine Information über dich, und es behandelt sie wie eine Tatsache. Wie dieser Daueralarm im Körper arbeitet, habe ich in einem eigenen Artikel über Nervensystem und Gewicht ausführlicher aufgeschrieben.

Der Satz hatte mal eine Aufgabe

In der Arbeit mit meinen Klientinnen gehe ich an diese Sätze nicht mit dem Rotstift heran. Das funktioniert nicht, und ich sage dir auch warum. Wer sich vornimmt, so etwas ab morgen einfach nicht mehr zu sagen, hat nach drei Tagen meistens ein schlechtes Gewissen mehr und sonst nichts gewonnen, weil der Satz ja nicht aus einer schlechten Angewohnheit kommt, sondern aus einer Not.

Wir schauen stattdessen, wann dieser Schutz entstanden ist und wovor er dich damals bewahrt hat. Meistens war das eine ziemlich kluge Lösung für ein Mädchen, das keine andere zur Verfügung hatte. Sich selbst kleinzumachen, bevor es jemand anderes tut, ist in einer Umgebung, in der Bewertung die Währung war, eine logische Entscheidung. Keine gesunde, aber eine logische.

Danach kommt die eigentliche Frage: brauchst du diesen Schutz heute noch, in deinem jetzigen Leben, mit den Menschen, die gerade um dich herum sind?

Manchmal lautet die Antwort ja, und dann darf der Satz erst mal bleiben. Manchmal merkt eine Frau zum ersten Mal, dass sie sich seit dreißig Jahren gegen einen Angriff verteidigt, der längst nicht mehr kommt. Und das ist der Moment, in dem sich etwas bewegt, leise, ohne großes Drama, aber spürbar.

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Hinweis: Dieser Artikel basiert auf meiner Erfahrung als Heilpraktikerin für Psychotherapie und meiner Recherche.
Er dient der Information und ersetzt nicht den Gang zum Arzt, Psychiater, Psychologen oder Heilpraktiker für Psychotherapie.