Wenn du alles richtig machst und es trotzdem nicht reicht
Ich war die Frau mit dem Plan. Essensplan für die Woche, Sportplan, Trinkplan, Schlafenszeit um halb elf. Ich habe alles aufgeschrieben, alles durchgezogen, alles kontrolliert. Wenn ich auf der Waage stand und die Zahl sich nicht bewegt hat, habe ich den Plan verschärft. Weniger Kohlenhydrate, mehr Bewegung, strengere Regeln.
Dass ich dabei immer angespannter wurde, habe ich nicht als Problem gesehen. Ich habe es als Disziplin bezeichnet.
Die Frau, die nie einen Fehler macht
Ich kenne viele Frauen, die so funktionieren. Sie halten sich an alles, was man ihnen sagt. Sie machen keinen einzigen Fehler beim Essen, trainieren regelmäßig, trinken genug Wasser, gehen früh ins Bett. Von außen sieht das vorbildlich aus, und die meisten bekommen dafür Bestätigung.
Was niemand sieht: diese Frauen sind nie entspannt. Nicht beim Essen, nicht danach, nicht mal beim Sport. Es läuft immer ein leises Kontrollprogramm im Hintergrund mit, das prüft, ob alles stimmt. Ob sie sich an die Regeln halten. Ob sie nicht zu viel gegessen haben. Ob der Tag erfolgreich war.
Das ist kein Gesundheitsbewusstsein. Das ist ein Nervensystem auf Dauerüberwachung.
Was Kontrolle mit dem Körper macht
Kontrolle fühlt sich an wie Sicherheit, aber biologisch passiert das Gegenteil. Wer ständig kontrolliert, signalisiert dem Körper, dass etwas nicht stimmt. Dass Gefahr droht. Dass man aufpassen muss.
Und ein Körper, der aufpassen muss, lässt nicht los. Der hält fest. Der speichert Energie, weil er nicht weiß, wann die nächste Krise kommt. Das habe ich in meinem Artikel über das Nervensystem beschrieben, aber bei Perfektionismus kommt noch etwas dazu.
Die Krise, vor der der Körper sich schützt, ist keine äußere Bedrohung. Die Krise ist die eigene Strenge. Die Frau, die sich nie einen Fehler erlaubt, lebt in einem selbstgemachten Alarmzustand, und ihr Körper reagiert darauf genau so, wie er auf jeden anderen Dauerstress reagiert: er fährt in den Schutzmodus.
Die Falle heißt Disinhibition
Es gibt einen Fachbegriff dafür, was passiert, wenn die Kontrolle reißt: Disinhibition. Westenhoefer hat das 1999 in drei Bevölkerungsstudien mit über 54.000 Teilnehmenden untersucht und das Ergebnis war eindeutig. Je rigider jemand die eigene Ernährung kontrolliert, desto höher das Risiko, dass genau diese Kontrolle irgendwann zusammenbricht.
Der Mechanismus ist fast immer der gleiche. Eine Frau hält sich tagelang strikt an ihren Plan. Dann passiert etwas Kleines, eine Handvoll Chips, ein Stück Kuchen auf der Arbeit. Und statt das als das zu nehmen, was es ist, nämlich nichts, schaltet etwas in ihr um. Der Tag ist gelaufen. Der Plan ist ruiniert. Also ist es jetzt auch egal.
Was danach kommt, kennen die meisten: alles essen, was vorher verboten war, und am nächsten Morgen mit Schuldgefühlen aufwachen. Dann wird der Plan noch strenger. Und der Kreislauf geht von vorne los.
Linardon und Kollegen haben 2017 gezeigt, dass rigide Kontrolle der stärkste einzelne Vorhersagefaktor für gestörtes Essverhalten ist. Nicht Stress, nicht Körperbild, nicht Selbstwert. Die Kontrolle selbst.
Woher die Kontrolle kommt
Die Frauen, mit denen ich arbeite, haben Kontrolle nicht wegen einer Diät gelernt. Die haben das viel früher gelernt. Meistens als Kind, als Mädchen, in einem Umfeld, in dem man etwas leisten musste, um wahrgenommen zu werden.
Die Tochter, die keine Probleme macht. Die Schülerin, die nie auffällt. Die Frau, die alles im Griff hat und nie um Hilfe bittet.
Irgendwann wurde Kontrolle zur Identität. Und dann kommt eine Diät, und die Kontrolle findet ein neues Spielfeld. Kalorien lassen sich zählen. Sport lässt sich messen. Essen lässt sich regulieren. Endlich etwas, das man wirklich im Griff haben kann, in einem Leben, das sich sonst oft unkontrollierbar anfühlt.
Das Problem ist nur: Kontrolle und Sicherheit sind nicht dasselbe. Und der Körper weiß das.
Was passiert, wenn Kontrolle wegfällt
Das ist der Teil, vor dem sich viele Frauen fürchten. Wenn ich sage, dass wir die Kontrolle nicht verschärfen, sondern lockern, höre ich oft: dann lasse ich mich komplett gehen. Dann esse ich nur noch Müll. Dann passiert gar nichts mehr.
Dieses Gefühl ist nachvollziehbar, und es ist trotzdem nicht das, was passiert. Was wirklich passiert, wenn starre Kontrolle nachlässt, ist erstmal Unsicherheit. Leere. Das Gefühl, keinen Halt zu haben, weil der Halt jahrelang die Regeln waren.
In meiner Arbeit gehen wir nicht von heute auf morgen da rein. Wir schauen uns zuerst an, was die Kontrolle eigentlich absichert. Welches Gefühl darunter liegt, das ohne die Kontrolle nicht auszuhalten wäre. Bei manchen ist es Angst vor Ablehnung. Bei anderen die Überzeugung, ohne Leistung nicht liebenswert zu sein.
Wenn das sichtbar wird, verändert sich etwas, aber nicht über Nacht und nicht ohne Widerstand. Der Körper braucht Zeit, um zu lernen, dass Loslassen kein Kontrollverlust ist. Dass man auch ohne Plan existieren darf.
Nicht weniger tun, anders tun
Es geht nicht darum, alles fallen zu lassen und abzuwarten. Es geht darum, die Frage zu verschieben. Von "was mache ich falsch" zu "warum kann ich nicht aufhören, mich zu kontrollieren". Das klingt nach einem kleinen Unterschied. Aber für den Körper ist es ein anderes Signal.
Wenn du merkst, dass du seit Jahren alles richtig machst und trotzdem nicht weiterkommst, dann fehlt dir wahrscheinlich kein besserer Plan. Dann fehlt dir der Raum, in dem du keinen Plan brauchst.
Wenn du das genauer anschauen willst: es gibt eine kostenlose Wegfinder-Sitzung, 20 Minuten per Video-Call, unverbindlich, direkt mit mir.
Quellen:
Westenhoefer, J. (1999). International Journal of Eating Disorders, 26(1), 53–64.
Linardon, J. et al. (2017). Eating Behaviors, 26, 137–142.
