Es gibt Sätze, die hat irgendwann jemand zu dir gesagt, und sie sind nie wieder weggegangen. Vielleicht war es eine Bemerkung in der Umkleide, vielleicht ein Blick im Restaurant, als du dir den Nachtisch bestellt hast. Gewichtsstigma beginnt fast immer draußen bei anderen Menschen, und irgendwann merkst du, dass die Stimme gar nicht mehr von außen kommt, sondern aus dir selbst.

Was Gewichtsstigma eigentlich ist

Gewichtsstigma bedeutet, dass Menschen wegen ihres Körpergewichts abgewertet werden. Das passiert offen, etwa durch Witze oder durch Ratschläge, um die niemand gebeten hat. Es passiert aber auch leise, durch Vorannahmen, die kaum jemand ausspricht. Menschen mit mehr Gewicht gelten schnell als faul oder undiszipliniert, obwohl die Forschung seit Jahrzehnten zeigt, dass Körpergewicht von sehr vielen Faktoren abhängt, die mit Willenskraft wenig zu tun haben.

Ich sehe diese Vorannahmen überall, in Arztpraxen, in denen jede Beschwerde erst einmal aufs Gewicht geschoben wird, und in der Werbung, in der dicke Körper nur im Vorher-Bild vorkommen. Auch in vielen Familien wird am Tisch kommentiert, was auf dem Teller liegt. Die Eltern, die das tun, haben diese Normen meistens selbst mitbekommen, als sie klein waren, und sie haben sie weitergegeben, weil sie es nicht anders kannten. Die Verantwortung dafür liegt bei einer Gesellschaft, die Schlankheit seit Generationen mit Wert gleichsetzt, und nicht bei einer einzelnen Mutter oder einem einzelnen Vater.

Wenn das Urteil nach innen zieht

Irgendwann braucht es die anderen gar nicht mehr. Fachleute nennen das internalisiertes Gewichtsstigma, und es ist oft der schwerere Teil. Du stehst morgens vor dem Spiegel, und bevor du überhaupt richtig wach bist, hat eine Stimme schon kommentiert, wie du aussiehst. Sie sagt dir, dass du das Kleid lieber nicht anziehen sollst, und sie erinnert dich daran, dass man mit deinem Körper nicht an den Strand geht.

Diese Stimme klingt wie deine eigene, deshalb glaubst du ihr so leicht. Wenn man genauer hinhört, erkennt man aber oft Sätze, die von jemand anderem stammen. Manche klingen nach einer Tante bei Familienfesten, andere nach einer Zeitschrift aus den Neunzigern. Du hast sie so oft gehört, dass sie irgendwann in deine eigene Sprache gewandert sind … und dort sitzen sie jetzt, als hätten sie schon immer dazugehört.

Das Tückische daran ist, dass diese Stimme sich als Motivation tarnt. Sie behauptet, dass sie dich antreibt und dass du ohne sie völlig aus dem Ruder laufen würdest. In Wahrheit macht sie dich müde und klein, und sie hat noch nie jemandem geholfen, besser für sich zu sorgen.

Gewichtsstigma als Dauerstress für den Körper

Die Psychologin Janet Tomiyama hat 2014 beschrieben, warum Gewichtsstigma nicht nur weh tut, sondern den Körper belastet. Sie versteht es als chronischen Stressor. Wer immer wieder abgewertet wird, und sei es nur durch die eigene innere Stimme, steht dauerhaft unter Stress. Das Stresssystem bleibt aktiv, und Cortisol wird vermehrt ausgeschüttet. Tomiyama beschreibt einen Kreislauf, in dem dieser Stress das Essverhalten beeinflusst und das Gewicht eher steigen lässt, was dann wieder neues Stigma nach sich zieht.

Natasha Schvey und Rebecca Puhl haben in einer Untersuchung Frauen Videoausschnitte gezeigt, in denen Menschen mit höherem Gewicht abgewertet wurden. Danach stieg das Cortisol bei diesen Frauen stärker an als bei Frauen, die neutrale Ausschnitte gesehen hatten. Schon das Zuschauen reicht also, damit der Körper in Alarm geht. Du musst gar nicht selbst beleidigt werden.

Wenn du dir jeden Tag selbst sagst, dass mit deinem Körper etwas nicht stimmt, lebst du mit einer Quelle von Stress, die du nie abschalten kannst, weil sie in deinem eigenen Kopf sitzt. Was dieser Dauerstress im Nervensystem anrichtet, liest du im Artikel über Nervensystem und Gewicht.

Alte Sätze von dem trennen, was stimmt

Ich arbeite mit meinen Klientinnen sehr konkret an diesen Sätzen. Der erste Schritt besteht darin, sie überhaupt zu bemerken, weil sie so selbstverständlich geworden sind, dass sie wie Tatsachen wirken.

Nimm dir ein Blatt Papier und schreib die Sätze auf, die dir über deinen Körper durch den Kopf gehen. Schreib sie genauso auf, wie du sie hörst, ohne sie schöner zu machen. Dann schau dir jeden Satz an und überleg, wessen Stimme das ursprünglich ist. Manchmal weißt du es sofort, manchmal taucht ein Gesicht erst nach ein paar Tagen auf.

Im nächsten Schritt schreibst du daneben, was du heute als erwachsene Frau über diesen Satz weißt. "Mit so einem Körper geht man nicht ins Schwimmbad" steht dann neben der Tatsache, dass Schwimmbäder für alle Körper gebaut sind und dass du ein Recht auf Bewegung im Wasser hast. Du musst den alten Satz nicht sofort loswerden, es reicht fürs Erste, wenn er nicht mehr allein auf dem Blatt steht.

Diese Arbeit hat viel mit Selbstmitgefühl zu tun, so wie Kristin Neff es erforscht hat. Neff beschreibt, dass Menschen, die sich selbst mit Freundlichkeit begegnen, weniger in Selbstkritik versinken und mit Rückschlägen besser umgehen. Selbstmitgefühl bedeutet dabei nicht, alles schönzureden. Es bedeutet, dass du mit dir so sprichst, wie du mit einer guten Freundin sprechen würdest, die gerade dasselbe erlebt.

Woher die Scham über den eigenen Körper überhaupt kommt, habe ich im Artikel über Körperscham aufgeschrieben. Dort geht es auch um die Frage, warum sich so viele Frauen für etwas schämen, das nie ihre Schuld war.

Häufige Fragen

Was versteht man unter internalisiertem Gewichtsstigma?

Damit ist gemeint, dass du die abwertenden Urteile anderer über Gewicht übernommen hast und sie gegen dich selbst richtest. Die Stimme klingt dann wie deine eigene, obwohl die Sätze ursprünglich von außen kamen. Das kann dauerhaft Stress im Körper auslösen.

Kann Gewichtsstigma krank machen?

Die Forschung beschreibt Gewichtsstigma als chronischen Stressor, der das Stresssystem dauerhaft aktiviert. Anhaltender Stress wirkt sich auf Körper und Psyche aus. Wenn du merkst, dass dich solche Erfahrungen sehr belasten, lohnt es sich, dir Unterstützung zu holen.

Quellen: Tomiyama 2014, Gewichtsstigma als chronischer Stressor; Schvey und Puhl 2015, Cortisolanstieg nach stigmatisierendem Inhalt; Kristin Neff, Forschung zu Selbstmitgefühl

Wenn du die alten Sätze nicht länger allein sortieren willst, kannst du das kostenlose Gespräch buchen. In zwanzig Minuten schauen wir, ob ich die Richtige für dich bin.